Schade Schokolade

Knapp zwei Monate lang stand diese Begegnung fix in meinem Terminkalender. Ende August hätte ich mir im Leben nicht zusammenspinnen können, dass wir gegen Schalke auch nur den Hauch einer Chance haben. Die neun Spiele aber die bis hierhin vergangen waren, schürten aber Hoffnung – natürlich auch unter der Berücksichtigung der katastrophalen Leistung des Vizemeisters aus Gelsenkirchen bisher. Ich denke, es ging nicht nur mir so, dass spätestens irgendwann im Oktober dann – zu recht – die Frage aufkam: “Können wir hier nicht doch was reissen? Ist es nicht doch möglich, dass wir die große Sensation schaffen, mit der niemand rechnet?

Ausverkauftes Haus am Bornheimer Hang: Gruppenkuscheln auf den Stehrängen
Bild Block N

Teilerfolg: Volles Haus

Die Spannung wuchs mit jedem Tag, der bis zum Anpfiff verstrich. Und mit ihr die Hoffnung, die sich als Freude und Zuversicht zeitweilig sehr geschickt tarnte, im Spiel gegen Magaths Millionentruppe den großen Wurf des Underdogs beiwohnen zu dürfen. Der Ausgang dieses klassischen David gegen Goliath-Spiels war im Bauch schon längst entschieden. Kurz nach dem Start des freien Verkauf der Tickets hieß es dann: Ausverkauft! – Keine wirkliche Überraschung. Denn endlich kam ja mal ein namhafter Gegner zu uns.

Ausnahmlos allen Besuchern, denen ich auf dem Weg zum Stadion heimlich ihren Gesprächen in der Bahn oder vor dem Stadion lauschte, mit denen ich mich auf dem Rang oder beim Anstehen am Getränkestand unterhielt, war anzumerken: Man freut sich auf diese Begegnung! Nicht nur, weil diese großartige Kulisse in dem muggeligen, kleinen Stadion unter Flutlicht schon für eine besondere Stimmung an sich sorgte, sondern weil hier heute Abend alles möglich war! Im Pokal, wo es immer wieder Überraschungen gibt. Wo einst der glorreiche FC Bayern gegen einen Amateurverein aus Vestenbergsgreuth den Kürzeren zog. Wo heute der “kleine” FSV Frankfurt nach einem großartigen Saisonstart vom sechsten Platz der zweiten Liga auf die “großen” Schalkenesier trifft, die sich partout nicht aus den Abstiegplätzen des Fussball-Oberhauses befreien können.

Verbrüderung aus Prinzip

Auch wenn nicht jeder dieser Zuschauer mit seinem Herzblut am FSV hing, so gönnten es doch alle der Millionenverbrennungsanlage FC Gazprom, hier eine weitere, in Anbetracht des Gegners äusserst herbe Niederlage einzufahren. Eben aus Prinzip! Es lag also nahe, zumindest für einen Abend den eigenen Lieblingsverein hinten anzustellen und stattdessen an den Bornheimer Hang zu fahren. Lautstarker Support inklusive! Als wollten sie sich für die Unterstützung auf den Rängen bedanken, stimmten einige der eingefleischten FSVler die Pfeifkonzerte gegen einen Einzelakteur der Königsblauen ein. Obwohl ich persönlich nichts davon halte, den Gegner und seine einzelnen Spieler zu schmähen, fand ich das dennoch wie so eine Art “versöhnliche Geste” – obwohl es eigentlich nichts zu versöhnen gibt, oder?

Am Anfang war das Staunen


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Ich war ziemlich überwältigt. Gruppenkuscheln in Pinguin-Manier auf dem Stehrang – hatte ich so auch noch nicht erlebt. Da ich kurz vor dem Anpfiff noch ein wenig beschäftigt war, Fotos zu knipsen und Videos zu drehen, habe ich den Zeitpunkt verpasst meinen “Stammplatz” einzunehmen. Als es dann losging, war kein durchkommen mehr dorthin. Ich habe trotzdem einen guten Platz mit viel Übersicht bekommen können, auch wenn ich mich dafür ein bischen durch den Rand der Menschenmassen drängeln musste.

Überwältigend war natürlich auch der Support von der Nordtribüne. Die Gelsenkirchener Anhänger machten von Anbeginn der Partie lautstark auf sich aufmerksam – während von uns kaum was zu hören war. Ich hatte schon die ernüchternde Ahnung, dass ich mir jetzt neunzig Minuten lang das “Schallalalalala Null-Vier(Haben die eigentlich auch mal was anderes gesungen?) anhören muss. Es schien mir, als hätten wir übergroßen Respekt vor der Kulisse, vor dem Gegner und den bundesligaerprobten 90-Minuten-Dauergesang auf der Nordtribüne. Genau, wie unsere Jungs auf dem Platz.

Das Spiel erinnerte mich in den Anfangsminuten stark an die nächtlichen FIFA-Soccer-Turniere auf der PlayStation in meiner frühen, noch-nicht-ganz-beendeten Jugend. Wenn du da mit so einer Mannschaft wie dem FSV Frankfurt gegen so eine Truppe wie Schalke, Bayern oder auch gerne aus Jux und Dollerei mal ManU spielst – mein lieber Scholli! Das ist nichts für ungeübte Finger! Es sieht so aus, als würden die Spieler der deutlich schlechteren Mannschaft wie in Zeitlupe laufen – oder die anderen im Fast-Forward-Modus. Und dann die Pässe und Flanken dieser Top-Mannschaften: butterweich und präzise – wie gemalt. Ganz zu schweigen von den geschmeidigen Ballan- und -mitnahmen und den strammen Torschüssen. Genau in diese Trickkiste hat auch Jurado gegriffen: Einmal um die eigene Achsen drehen, damit den Verteidiger aussteigen lassen und draufhalten. Wenn du dabei weit genug weg vom Tor stehst, kommt der Keeper auf keinen Fall mehr ran! Schade, dass das schon nach nicht einmal zwöf Minuten passierte.

Wir hatten trotzdem unseren Spaß!

Der Stimmung tat das frühe Gegentor keinen Abbruch – ganz im Gegenteil, wir wurden jetzt erst warm. Mit der Mannschaftsleistung steigerte sich auch die Unterstützung von den Rängen. Und zumindest für das O-Block-Eck in nie dagewesene Lautstärke. Und es machten mit zunehmender Spieldauer immer mehr Leute mit! Ja, wenn die Hütte voll ist, macht auch das Supporten in der Gruppe viel mehr Spaß und man wird wohl auch als Außenstehender leicher mitgerissen. Vom N-Block hingegen war hier nicht viel zu hören – aber ich glaube, das ist normal, wenn man so weit weg steht. Hätte nicht knapp 80 Minuten lang dieses 0:1 von der Anzeigetafel geprangert – niemand hätte doch gedacht, dass wir hinten liegen! Keine trübe Ernüchterung nach dem Gegentor, wie sonst so oft. Keine Spaßvollbremsung, nur weil die anderen führen. Jeder hat gesehen, dass das Spiel erst vorbei ist, wenn der Schiri abpfeift und das hier heute tatsächlich was geht.

Besonders die zweite Hälfte hat mir sehr gefallen. Schalke hat ja keinen Stich mehr gesehen! Nach vorne lief ja die ganze Zeit über bei denen nicht viel zusammen – und nach der Pause hat der Schlicke aufgedreht. Was er da nicht alles abgeräumt hat! Unsere Jungs haben echt gekämpft, das hat uns bis zum Schluß dran glauben lassen, dass wir es schaffen können. Die Sensation war förmlich greifbar nahe. Auch wenn es schlußendlich nicht gereicht hat, war es ein großartiges Spiel!

Mauern, kontern, und irgendwie ein Tor!

Ich glaube, dass wir am Dienstag Abend einige neue Fans hinzugewinnen konnten. Weil die Stimmung locker, fröhlich und einfach großartig war. Weil unsere Elf wirklichen tollen Fußball und mit Schalke wirklich auf Augenhöhe gespielt hat. Weil wir den Ausgleichstreffer verdient hatten und unglücklich ausgeschieden sind. Und weil wir uns nichts draus machen, “wieder mal” verloren zu haben, das ganz locker sehen und mit selbstironischem Gesang unseren FSV, unsere Bornheimer Jungs, auch am Freitag Abend im Ligaalltag wieder unterstützen werden.


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Über Robert

zynisch. meistens. in frankfurt lebender social-mediast aus berlin. und fsv frankfurt-dauerkarten inhaber.